Policy Paper · Mai 2026
Konflikt · Kultur · Systemveränderung

Community Wealth Building als Peacebuilding-Methode

Wie aus dem Wiederaufbau in der Ukraine eine Chance auf gerechtere Strukturen wird — und warum lokale Wertschöpfung darüber entscheidet, ob Frieden über Generationen trägt.

Autor
Martin Michaelis
Region
Ukraine · EU-Nachbarschaft
Format
Policy Paper · 12 Seiten
Erstveröffentlichung
Mai 2026 · DE
Ein Diskussionsbeitrag von Martin Michaelis — Internationaler Mediator
v 1.0 · DE
Policy Paper · CWB UkraineInhalt & Zusammenfassung
Inhalt & Executive Summary

Konflikte zeigen, wo bestehende Systeme nicht mehr tragen.

Dieses Paper macht einen Vorschlag: den Wiederaufbau der Ukraine nicht nur als ökonomische, sondern als friedenspolitische Aufgabe zu denken — und Community Wealth Building dafür als operatives Instrument zu nutzen.

  1. 01EinleitungWarum Wiederaufbau eine Friedensfrage ist03
  2. 02Was ist Community Wealth Building?Fünf Säulen einer regenerativen Ökonomie04
  3. 03Warum gerade jetzt? Die Lage in der UkraineRisiken eines investorengetriebenen Wiederaufbaus06
  4. 04CWB als Peacebuilding-MethodeWürde, Beteiligung, geteilte Interessen07
  5. 05Vier AnwendungsfelderEnergie · Pflege · Bau · Lebensmittel09
  6. 06Politische EmpfehlungenAcht Maßnahmen für EU, Geber & Kyiv10
  7. 07Über den Autor & QuellenMethodik · Imprint11
Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine02
01 · EinleitungMai 2026
01 · Einleitung

Warum der Wiederaufbau in der Ukraine eine Friedensfrage ist.

Die entscheidende Frage ist nicht wie viel wieder aufgebaut wird, sondern wem die wieder aufgebaute Ukraine gehört — und ob die Strukturen, die jetzt entstehen, eine zweite Eskalation in zehn Jahren wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen.

Wiederaufbau ist nie nur Wiederaufbau. Er ist immer eine Entscheidung darüber, welche Ordnung als nächste entsteht. In der Ukraine fällt diese Entscheidung jetzt — in Verträgen, in Beschaffungsrichtlinien, in Eigentumsstrukturen, die in den kommenden 24 Monaten festgeschrieben werden.

Der Befund aus internationalen Friedensprozessen ist eindeutig: Frieden hält nicht, wenn er nur auf politischen Abkommen ruht. Er hält, wenn Menschen materielle Gründe haben, ihn zu wollen — Arbeit, Eigentum, Mitsprache, eine Zukunft, die ihnen gehört.

Genau hier setzt Community Wealth Building (CWB) an. Es ist kein Wirtschaftsmodell aus dem Lehrbuch, sondern eine Praxis, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Preston, Cleveland, Mondragón und im Baskenland gezeigt hat: Lokale Wertschöpfung lässt sich gestalten — auch gegen die Schwerkraft globalisierter Kapitalströme.

Drei Beobachtungen

Erstens. Der Wiederaufbau wird zwischen 400 und 750 Mrd. € kosten — die Weltbank, EU-Kommission und ukrainische Regierung haben sich auf diese Spanne festgelegt. Das ist mehr als der Marshall-Plan, real gerechnet.

Zweitens. Bisher dominiert in den Vorbereitungspapieren eine investorengetriebene Logik: Großprojekte, strategische Sektoren, internationale Konsortien. Lokale Eigentumsfragen werden nachgelagert behandelt.

Drittens. Wo Wiederaufbau ohne lokale Verankerung passiert — Kosovo, Bosnien, Irak — entstehen extraktive Wirtschaftsstrukturen, die Konflikte konservieren statt sie zu lösen.

Was dieses Paper vorschlägt

Dieses Paper schlägt vor, CWB als operativen Rahmen für den ukrainischen Wiederaufbau zu verankern — nicht als Ersatz für Großinvestitionen, sondern als verbindliche Bedingung dafür, wie diese in Regionen ankommen. Konkret: über lokale Beschaffungsquoten, plurale Eigentumsformen und kommunale Finanzkreisläufe.

Die These ist einfach: Wer mit Würde wieder aufbaut, baut Frieden mit auf. Wer ohne Würde wieder aufbaut, baut die nächste Eskalation mit auf.

Frieden entsteht nicht nur durch Dialog. Er entsteht durch Würde, lokale Handlungsfähigkeit und ein gemeinsames Interesse an einer besseren Zukunft.

— Martin Michaelis · Mediator, EU- und Auswärtige-Amt-Programme seit 2008

Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine03
02 · Was ist Community Wealth Building?Definitionen
02 · Was ist Community Wealth Building?

Fünf Säulen einer regenerativen, lokal verankerten Ökonomie.

CWB ist kein Konzept aus dem Reißbrett. Es ist ein set of practices — entstanden aus Stadt- und Regionalpolitik in den USA und Großbritannien — das Kapital, Beschaffung, Eigentum, Arbeit und Boden so organisiert, dass Wertschöpfung in der Region bleibt.

01
Anker-Institutionen

Krankenhäuser, Hochschulen, Kommunen und große Arbeitgeber lenken Beschaffung, Personal und Investitionen bewusst lokal.

02
Plurales Eigentum

Genossenschaften, kommunale Betriebe, Stiftungen und mitarbeitergeführte Unternehmen statt rein extraktiver Eigentümerstruktur.

03
Faire Arbeit

Existenzsichernde Löhne, Tarifbindung, Aufstiegsmöglichkeiten — als Standard, nicht als Verhandlungsmasse.

04
Lokale Finanzen

Regionale Banken, Bürger­fonds und Kommunalanleihen halten Kapital im Kreislauf der Region.

05
Land & Boden

Kommunaler und gemeinwohlorientierter Bodenbesitz verhindert spekulative Bodenpreise und sichert Daseinsvorsorge.

Mechanismus
Eingang
Öffentliche Mittel

EU-Kohäsion, nationale Budgets, Geber­mittel, Versicherungs­leistungen.

Vermittlung
Anker-Institutionen

Beschaffungs­quoten, Konsortien mit lokalen KMU, Genossenschafts­förderung.

Ausgang
Lokale Wertschöpfung

Arbeit, Eigentum, Steuern und Beziehungen, die in der Region bleiben.

£1,4 Mrd
Lokal gebundene Beschaffung in Preston · 2013–2023
11%→18%
Anteil lokaler Lieferanten an Anker-Beschaffung
4.000+
Genossenschafts­arbeitsplätze in Cleveland (Evergreen)
80.000
Mitglieder Mondragón · weltgrößte Koop-Föderation

Was CWB nicht ist

CWB ist keine Verstaatlichung und kein Protektionismus. Privatwirtschaft, internationaler Handel und externe Investitionen bleiben Teil des Bildes. Verändert wird die Architektur, in der diese Investitionen ankommen — nicht ihre Existenz.

CWB ist keine einzelne Maßnahme. Es ist ein Bündel von Hebeln, das nur gemeinsam wirkt: Beschaffung ohne Eigentumsförderung versickert. Eigentum ohne Finanzierungs­zugang stagniert. Finanzierung ohne faire Arbeit produziert Konflikt.

Was CWB ist

CWB ist eine Governance-Praxis. Sie organisiert, wer entscheidet, wem etwas gehört und wo Wert bleibt — und macht diese Fragen zum Gegenstand kommunaler und regionaler Politik, nicht zu einer Restgröße des Marktes.

Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine04
02 · Was ist CWB?Internationale Blaupausen
02.b · Internationale Blaupausen

Drei Städte, drei Beweise, dass es funktioniert.

Case · Preston (UK)

Vom am stärksten verarmten Bezirk Nordenglands zur Modellregion in zehn Jahren.

Preston bündelte ab 2012 die Beschaffung von sechs Anker-Institutionen (Stadtverwaltung, Polizei, Universität, NHS-Trusts, Wohnungs­bauverband) und steuerte sie systematisch in die Region. 2013 flossen 5 % dieser 750 Mio. £ an lokale Lieferanten. 2023 waren es 18 % — bei gleichzeitiger Gründung mehrerer mitarbeitergeführter Unternehmen und einer regionalen Genossenschaftsbank in Vorbereitung.

Hebel
Beschaffung & Koop-Gründung
Zeitraum
2012 – heute
Übertragbar auf UA
Sehr hoch — Anker-Logik funktioniert auch bei Wiederaufbau-Mitteln
Case · Cleveland (USA)

Krankenhäuser kaufen von der eigenen Nachbarschaft — Evergreen Cooperatives.

Die Cleveland Clinic, University Hospitals und die Case Western Reserve garantieren über Langzeit­verträge Abnahme an drei mitarbeiter­geführte Genossenschaften: Wäscherei, Solaranlagenbau und Gewächshäuser. Über 200 Beschäftigte sind Eigentümer; die Region Greater University Circle hat damit nachweisbar Vermögen aufgebaut, das zuvor systematisch abfloss.

Hebel
Anker-Abnahme-Garantien
Zeitraum
2009 – heute
Übertragbar auf UA
Hoch — vor allem für Pflege, Gebäude­service, Energie
Case · Mondragón (Baskenland)

Eine Föderation aus 96 Genossenschaften, 80.000 Beschäftigte, eigene Bank, eigene Universität.

Seit 1956 demonstriert Mondragón, dass Genossenschaften nicht klein und nischig bleiben müssen. Die Föderation kombiniert eigene Finanzierung (Caja Laboral), eigene Bildung (Mondragón Universität) und solidarische Verlustdeckung — und ist mit einem Umsatz von über 11 Mrd. € die größte Koop-Föderation der Welt. Resilienz in Krisen: nachweislich höher als bei vergleichbaren Aktien­gesellschaften.

Hebel
Vertikale Koop-Föderation
Zeitraum
1956 – heute
Übertragbar auf UA
Mittel — braucht 10+ Jahre, aber Industrie-Skala beweisbar
Was diese drei Cases gemeinsam haben

Alle drei begannen kommunal, nicht national. Alle drei brauchten politischen Willen über mindestens eine Wahlperiode. Und alle drei bewirkten messbar nicht nur ökonomische, sondern soziale Stabilisierung — weniger Wegzug, mehr zivilgesellschaftliches Engagement, geringere Vertrauensverluste in Institutionen. Genau diese Effekte sind im ukrainischen Wiederaufbau überlebens­wichtig.

Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine05
03 · Warum gerade jetzt?Lage Ukraine
03 · Warum gerade jetzt? · Die Lage in der Ukraine

Zwei Pfade liegen offen — und der Pfad wird in den nächsten 24 Monaten entschieden.

In den kommenden zwei Jahren werden Beschaffungs­richtlinien, Eigentums­regelungen für Wieder­aufbau-Fonds und die Architektur des Ukraine Facility festgeschrieben. Was jetzt nicht verankert wird, ist später politisch schwer korrigierbar.

50 Mrd
Ukraine Facility 2024–2027
486 Mrd
Weltbank-Bedarfsschätzung über 10 Jahre
3,7 Mio
Binnenvertriebene — viele in zerstörten Regionen
27 %
Anteil zerstörter / beschädigter Wohngebäude
Pfad A · Investorengetrieben
Wiederaufbau als Investitionsexpansion
  • Großverträge an internationale Konsortien — wenige Anbieter, hohe Konzentration.
  • Eigentum an wieder aufgebauter Infrastruktur fließt in externe Hände.
  • Lokale KMU verlieren strukturelle Anschluss­fähigkeit — Brain-Drain verstärkt sich.
  • Lokale Eliten werden über Rentenströme kooptiert; Korruptionsrisiko steigt.
  • Politisches Vertrauen in Wiederaufbau-Institutionen erodiert — Protest- und Konfliktpotenzial steigt.
  • Risiko: Eine zweite Konfliktwelle wird wahrscheinlicher, weil Würde und Teilhabe fehlen.
Pfad B · Community Wealth Building
Wiederaufbau als Friedensstrategie
  • Beschaffungs­quoten für lokale KMU und Genossenschaften in Wiederaufbau-Verträgen.
  • Plurale Eigentums­modelle: kommunale Betriebe, Genossenschaften, Bürger­energie­anlagen.
  • Regionale Banken und revolvierende Fonds halten Kapital im Kreislauf.
  • Lokale Anker-Institutionen (Kliniken, Hochschulen, Stadtwerke) als systemische Hebel.
  • Beteiligung als Standard: kommunale Foren, Bürger­räte, partizipative Budgets.
  • Wirkung: Würde, Teilhabe und gemeinsame ökonomische Interessen stabilisieren den Frieden.

Frieden ohne wirtschaftliche Teilhabe ist ein Vertrag, der jederzeit gekündigt werden kann. Frieden mit Teilhabe ist eine Struktur, in der Menschen ein materielles Interesse haben, ihn zu verteidigen.

— Erfahrung aus EU-Programmen Südkaukasus & Balkan, 2010–2016

Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine06
04 · CWB als Peacebuilding-MethodeMechanik
04 · CWB als Peacebuilding-Methode

Warum lokale Wertschöpfung Frieden produziert — drei Mechanismen.

Peacebuilding-Forschung — von Lederach bis zur Berghof Foundation — beschreibt seit drei Jahrzehnten dieselbe Lücke: Politische Abkommen halten dort, wo sie in lokale Strukturen, geteilte Würde und materielle Teilhabe übersetzt werden. CWB ist genau ein solcher Übersetzungs­mechanismus.

Mechanismus 1 · Würde durch Eigentum

Wer Eigentum hat, hat eine Stimme. Plurales Eigentum — Genossenschaft, kommunaler Betrieb, Mitarbeiter­beteiligung — verankert wirtschaftliche Macht dort, wo sie sozial wirksam wird. Erfahrungen aus Nordirland, Kolumbien und Ruanda zeigen: Wo Wieder­aufbau Eigentum verteilt, sinkt das Risiko erneuter Eskalation messbar.

Mechanismus 2 · Beteiligung als Standard

CWB-Prozesse sind per Design deliberativ: Anker-Strategien werden in offenen Foren entwickelt, Beschaffungs­kriterien öffentlich verhandelt, lokale Räte in Entscheidungen eingebunden. Genau diese Beteiligungs­routinen sind das Trainingsfeld, in dem demokratische Praxis nach Krieg überhaupt wieder geübt wird.

Mechanismus 3 · Geteilte ökonomische Interessen

Wo Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Geschichte in derselben Genossenschaft arbeiten, derselben Klinik vertrauen, dieselbe Bürger­energie­anlage besitzen — entstehen geteilte Interessen. Das ist nicht romantisch, sondern banal: gemeinsamer ökonomischer Erfolg macht Kooperation rationaler als Feindschaft.

Was das konkret bedeutet

CWB ist keine Alternative zu klassischer Mediation, Dialog­arbeit, Versöhnungs­prozessen und Transitional Justice. Es ist die materielle Infrastruktur, ohne die diese Verfahren auf Dauer nicht tragen. Peacebuilding ohne CWB ist wie ein Dach ohne Wände.

Forschungsbezug

Die These dieses Papers — Würde + Teilhabe + materielle Sicherheit = haltbarer Frieden — ist in der internationalen Friedens- und Konflikt­forschung gut belegt (UN DPPA Reviews 2018/22, Berghof Handbook). Neu ist hier nur die operative Brücke: CWB als institutioneller Träger dieser drei Faktoren in einem konkreten Wieder­aufbau­kontext.

Es reicht nicht, Konflikte zu lösen. Es geht darum, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass neues Verhalten, neue Zusammenarbeit und neue Entscheidungen dauerhaft möglich werden.

— Aus der Beratungspraxis, EU- und AA-Programme

Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine07
05 · Vier AnwendungsfelderOperativ
05 · Vier konkrete Anwendungsfelder in der Ukraine

Wo CWB sofort wirkt — Sektoren mit hoher Hebelwirkung.

01 · Energie
Bürger­energie­genossenschaften statt zentraler Mega-Projekte

Die Energie­infrastruktur ist gezielt zerstört worden. Wiederaufbau dezentral, kommunal und genossenschaftlich denken: Solar auf Dächern, Bürger­windparks, lokale Wärme­netze. Vorteil doppelt: militärisch resilient (kein einzelner Treffer legt das Netz lahm) und ökonomisch verteilend.

Hebel: EU-Energie­fonds an Bürgerenergie-Quoten koppeln (Vorschlag: mind. 25 %).

02 · Pflege & Gesundheit
Kommunale & genossenschaftliche Pflege­strukturen

3,7 Mio Binnen­vertriebene, hunderttausende Kriegs­versehrte: Pflege wird zur Schlüssel­branche der nächsten zwei Jahrzehnte. Genossenschafts­modelle (vgl. Buurtzorg / Cleveland Evergreen) sichern Versorgung dort, wo der Markt keine Rendite verspricht — und schaffen Eigentum für Pflegende.

Hebel: Pflege­fonds als Anker­institution gestalten — mit Abnahmegarantien für lokale Träger.

03 · Bau & Wohnen
Lokale KMU-Konsortien in Beschaffung verbindlich

Wohnraum­wiederaufbau ist das größte Einzel­volumen. Beschaffungs­regeln entscheiden, ob daraus eine lokale Wert­schöpfungs­kette wird oder ein Großauftrag an ein einziges internationales Konsortium. Vorschlag: Verbindliche KMU-Konsortien und lokale Genossenschafts­quoten bei Aufträgen > 5 Mio €.

Hebel: Ukraine Facility — Konditionalitäten zu lokaler Beschaffung verschärfen.

04 · Lebensmittel & Land
Land­reform mit CWB-Logik verbinden

Die ukrainische Land­reform öffnet einen historisch seltenen Möglichkeits­raum. Ohne CWB-Rahmung droht massive Konzentration in wenigen Agrar­konzernen. Mit CWB-Rahmung: Genossen­schaftliche Bewirtschaftungs­modelle, kommunale Bodenfonds, Direkt­vermarktungs­strukturen.

Hebel: Land­reform mit Eigentums­obergrenzen & Koop-Förderung verknüpfen.

Querschnitt
Querschnittsthema · Anti-Korruption

CWB ist strukturell anti-korrupt: dezentrale Eigentums- und Beschaffungs­strukturen lassen sich schwerer kapern als zentrale Großaufträge. In einem Wieder­aufbau, in dem Korruption das größte Reputations­risiko gegenüber europäischen Steuerzahler­innen ist, ist CWB damit nicht nur ökonomisch, sondern politisch attraktiv.

Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine08
06 · Politische EmpfehlungenAcht Maßnahmen
06 · Politische Empfehlungen

Acht Maßnahmen für EU, Geber und ukrainische Stellen.

Die folgenden Empfehlungen sind so formuliert, dass sie in bestehenden Instrumenten — Ukraine Facility, EBRD, EIB, bilateralen Wiederaufbau-Verträgen — ohne neue Rechtsetzung umsetzbar sind. Sie sind politische Entscheidungen, keine Reformprojekte.

Empfehlung 01EU-Kommission · DG NEAR
Lokale Beschaffungs­quote im Ukraine Facility verankern

Mindestens 35 % der Auftrags­volumina > 5 Mio € müssen über lokale Konsortien (mind. 50 % ukrainische KMU oder Genossenschaften) realisiert werden.

Empfehlung 02Kyiv · Ministerrat
Anker-Institutionen-Charta

Kliniken, Hochschulen, Stadtwerke und Großarbeitgeber verpflichten sich auf eine gemeinsame regionale Beschaffungs- und Personal­strategie.

Empfehlung 03EIB · KfW
Revolvierender Genossenschafts­fonds

Ein 2-Mrd-€-Fonds für Gründung und Skalierung mitarbeiter- und kommunal­geführter Unternehmen. Beteiligung statt klassisches Kredit­geschäft.

Empfehlung 04Kyiv · Energie­ministerium
Bürger­energie-Quote für Wiederaufbau-Strom

Mindestens 25 % des wieder aufgebauten Erzeugungs­volumens in Hand von Genossen­schaften, Kommunen oder Bürger­fonds.

Empfehlung 05EBRD · IFC
Konditionalität: lokale Eigentums­anteile

Großkredite an private Träger nur bei nachweisbarer Eigentums­beteiligung lokaler Akteure (Belegschaft, Kommune oder Genossen­schaft, > 20 %).

Empfehlung 06Kyiv · Justiz­ministerium
Rechtsform-Modernisierung für Koops

Genossenschafts­recht so reformieren, dass moderne Mitarbeiter­beteiligung, hybride Träger und Sozial­unternehmen anschluss­fähig sind.

Empfehlung 07Bundes­regierung · BMZ · AA
Twinning mit Preston, Cleveland, Mondragón

Bilaterale Lern­partnerschaften ukrainischer Oblaste mit erfahrenen CWB-Regionen — finanziert über bestehende Twinning-Programme.

Empfehlung 08Geber · gemeinsam
Beteiligungs­standard für alle Wiederaufbau-Mittel

Kommunale Foren, partizipative Budget­verfahren und Bürger­räte als Bedingung für Mittelabruf. Beteiligung ist nicht Beiwerk — sie ist Friedens­infrastruktur.

Zeitfenster

Diese acht Empfehlungen wirken nur, wenn sie vor der nächsten Verlängerung des Ukraine Facility (2027) verbindlich werden. Danach sind Beschaffungs­routinen und Eigentums­strukturen verfestigt — und politisch deutlich schwerer zu korrigieren. Das Fenster schließt sich.

Martin MichaelisCWB · Peacebuilding · Ukraine09
SchlussMartin Michaelis
Schluss

Wieder­aufbau ist nie nur Wiederaufbau. Er ist die Ordnung von morgen.

Die Ukraine wird in den nächsten Jahren wieder aufgebaut werden — das ist gesetzt. Offen ist nur, nach welcher Logik. Eine investorengetriebene Logik ist effizient kurzfristig, aber strukturell extraktiv und friedens­politisch riskant. Eine CWB-getragene Logik ist aufwendiger in der Steuerung, aber sie verteilt Eigentum, Würde und Handlungs­fähigkeit dorthin, wo Frieden entsteht.

Dieses Paper macht keinen utopischen Vorschlag. Es macht einen technisch umsetzbaren Vorschlag, der in den bestehenden Instrumenten — Ukraine Facility, EIB, EBRD, bilaterale Programme — verankert werden kann. Was fehlt, ist nicht das Instrument. Was fehlt, ist die politische Entscheidung, Frieden materiell zu denken.

Drei Sätze, die bleiben

Wer mit Würde wieder aufbaut, baut Frieden mit auf.

Wer ohne Würde wieder aufbaut, baut die nächste Eskalation mit auf.

Community Wealth Building macht Würde zu einer politischen, finanzierbaren, prüfbaren Größe.

— Martin Michaelis
Internationaler Mediator · Berlin · Mai 2026
Ende des Papers
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Über den AutorKontakt
07 · Über den Autor

Warum ich an der Schnittstelle von Konflikt und Wirtschaft arbeite.

Martin Michaelis
Internationaler Mediator · Organisationsberater · Coach · Anwalt · Autor

Seit 2008 arbeite ich mit Organisationen, Institutionen und politischen Akteuren an Veränderung, Friedens­prozessen und festgefahrenen Konflikten. In Projekten für die EU und das Auswärtige Amt — Ägypten, Ukraine, Südkaukasus, Balkan — habe ich erlebt, wie Vertrauen, Beteiligung und gemeinsame Handlungs­fähigkeit auch unter Druck wieder entstehen.

Aus dieser Praxis heraus interessiert mich seit Jahren eine Frage, die in der Mediations­literatur unter­belichtet bleibt: Was passiert nach dem Dialog? Welche materiellen Strukturen braucht es, damit Frieden nicht nur unterzeichnet, sondern gelebt werden kann? Community Wealth Building ist für mich der bisher überzeugendste operative Vorschlag auf diese Frage.

Ich bin Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität Berlin und der FH Südwestfalen, Mitgründer der fiveP eG und Autor von „Kulturveränderung in 5 Schritten".

Internationaler Mediator Organisations­berater Coach Anwalt Autor HU Berlin · Lehrbeauftragter
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Kontakt
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Quellen & ImprintMai 2026
Quellen, Methodik & Imprint

Auswahl­bibliografie und methodische Hinweise.

Dieses Paper ist ein politischer Diskussions­beitrag, kein wissenschaftlicher Aufsatz. Es kombiniert Praxis­erfahrung aus 15+ Jahren internationaler Mediations­arbeit mit Sekundär­literatur zu CWB und Peacebuilding. Eine Langversion mit vollständigem Apparat ist auf Anfrage verfügbar.

01Centre for Local Economic Strategies (CLES) · Community Wealth Building — A Toolkit for Local Authorities. Manchester, 2023.
02Democracy Collaborative · The Cleveland Model — How the Evergreen Cooperatives are Building Community Wealth. Washington DC, 2014 ff.
03Preston City Council · Annual Anchor Procurement Reports 2013–2023.
04Mondragón Corporation · Corporate Reports & Cooperative Principles. Arrasate, 2022/2023.
05World Bank · EU Commission · Government of Ukraine · Ukraine Rapid Damage and Needs Assessment, RDNA3, 2024.
06European Commission · Ukraine Facility Regulation (EU) 2024/792. Brüssel, 2024.
07UN DPPA · Peacebuilding & Sustaining Peace Reviews. New York, 2018 & 2022.
08Berghof Foundation · Handbook for Conflict Transformation. Berlin, 2018 ff.
09Lederach, J. P. · Building Peace — Sustainable Reconciliation in Divided Societies. Washington DC, 1997.
10Brett, R. & OECD/DAC · Aid in Fragile Contexts: Lessons Learned. Paris, 2020.
11Kelly, M. & Howard, T. · The Making of a Democratic Economy. Oakland, 2019.
12Restakis, J. · Humanizing the Economy — Cooperatives in the Age of Capital. New Society, 2010.
13Berghof & swisspeace · Local Ownership in Peacebuilding Processes. Bern, 2019.
14Michaelis, M. · Kulturveränderung in 5 Schritten. Berlin, 2023.
Herausgeber
Martin Michaelis
Berlin · Deutschland
Lektorat & Layout
Eigenverlag
Mai 2026 · v 1.0
Lizenz
CC BY-NC-SA 4.0
Zitate & Verbreitung erwünscht.
martin michaelis Transforming Social Systems
Policy Paper · CWB · Ukraine · Mai 2026
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